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Interview: Fernando Rendón: Ein Poet für den Frieden


7 de Septiembre de 2010

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Interview

    Fernando Rendón: Ein Poet für den Frieden

    Der Alternative Nobelpreisträger im Interview
    Simone Braun de Aguirre

Fernando Rendón wurde als Gründer des bedeutendsten Poesiefestivals der Welt, des Internationalen Poesiefestivals von Medellín, mit dem Alternativen Nobelpreis gewürdigt. Die harmonische Melodik seiner Dichtung besingt den Frieden, fordert Frieden, beschwört ihn, sieht den Frieden nahen: Kolumbien befinde sich an einem historischen Wendepunkt, wird er nicht müde zu betonen, und wenngleich man die Poesie zum Schweigen bringen wolle, gebe es doch niemanden, der ihre Kraft eindämmen könne, denn für ihn ist sie Natur, das Leben an sich.
Flüchtig und wie nebenbei bezeugt er schwerwiegende Umstände. Etwa, dass sich die Politik und der Tod so sehr in sein Leben gedrängt haben, dass er daraus Poesie machen musste. Er fürchtet den Tod nicht, wenn jedoch sein Leben angegriffen werden sollte, so will er niemanden mit sich reißen, deshalb vermeidet er Menschenmassen. Er lebt auf dem Land, weil er weiß, wie wichtig die Natur für uns alle ist: er sagt, selbst wenn es keine Menschen gäbe, so gäbe es dennoch Poesie: das Leben an sich, die Natur ist für ihn Poesie, sie steckt in den Pflanzen und den Tieren, und sie transportiert die Stimme des Volkes, vermittelt zwischen den magischen Kräften und den Menschen .
Was wollten Sie werden, bevor Sie Dichter wurden?
Fernando Rendón: Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich Dichter werden wollte oder nicht, und auch nicht, ob ich etwas anderes von Beruf werden wollte. Ich bin einen Weg gegangen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Mein Vater war mit einigen bedeutenden kolumbianischen Dichtern wie etwa León de Greiff befreundet, es gab oft Treffen bei uns zu Hause, von Intellektuellen, Journalisten und Künstlern. In der Bibliothek meines Vaters standen viele Gedichtbände. Während sie Bier tranken, haben wir auswendig Gedichte von berühmten kolumbianischen Dichtern rezitiert. Aus heutiger Sicht scheint mir, dass mein Vater eine Dichterseele war, ein gütiger, sensibler Geist; er sagte, er spreche mit den Steinen, mit den Tieren, und unbemerkt weckte er in uns, in meinen Brüdern und vor allem in mir, den Wunsch zu lesen, die Ganzheit wahrzunehmen, außerhalb des Alltäglichen. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, abends, nachdem das Licht ausgeschaltet wurde, bis spät in die Nacht mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen, nicht nur Poesie, sondern auch Kinderliteratur und später Literatur für Jugendliche, Abenteuerbücher wie etwa von Jules Verne. Dann, als ich zehn, elf Jahre alt war, fiel mir die Ilias von Homer in die Hände, und das war eine Offenbarung für mich. Ich weiß nicht, wie viel ich von dem, was ich da las, verstand, aber diese ganze außergewöhnliche, von einem Dichter beschriebene Geschichte über all die Schlachten faszinierte mich.

Das Poesiefestivals von Medellín ist heute das größte der Welt in seiner Sparte ist. Bei seiner Gründung sagten Sie, sein Anliegen sei, „die Poesie als Waffe gegen den Terror einzusetzen und mit ihr nach und nach alle sozialen Ebenen und die kolumbianische Gesellschaft zu durchdringen“. Welche Erfolge hat das Festival in dieser Hinsicht erzielt?

Der größte Erfolg des Festivals ist, dass die Poesie populär geworden ist, dass sie in alle sozialen Schichten gelangt ist. Es ist wahrscheinlich das einzige Podium, auf dem durch die Poesie Menschen aus allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen in einem pluralen, toleranten, sehr friedlichen Umfeld zusammenleben können, mitten in einer Stadt, die einmal Welthauptstadt des Drogenhandels, der Gewalt und der Angst gewesen ist, mit einer erschreckend hohen Zahl an Mordfällen: in den neunziger Jahren, als das Festival entstand, gab es in Medellín jedes Jahr etwa 45.000 Tote, das waren ungefähr genauso viele oder sogar mehr, als in ganz Westeuropa eines gewaltsamen Todes starben. Diese ganze Gewalt existiert; fast immer ist sie politisch, fast immer richtet sie sich gegen diejenigen, die für einen sozialen und politischen Wandel kämpfen, aber auch gegen viele unschuldige Opfer und sie geht von verschiedenen bewaffneten Kräften aus: vom Drogenhandel gegen den Staat, von der gewöhnlichen Kriminalität, vom Staat gegen die Linke, und von Sektoren der Linken, die gegen den Staat kämpfen. Gegen all den Terror, gegen all das Töten drängt die glühende Sehnsucht der kolumbianischen Bevölkerung nach Leben, nach Würde, nach Wahrheit, und ich glaube, deshalb hat die Poesie Medellín und andere kolumbianische Städte so stark durchdrungen.

Stimmt es, dass Sie 2003 während der Vorbereitungen für das Erste Poesietreffen für den Frieden von einem Staatsbeamten vor Todesdrohungen der Paramilitärs gegen Sie gewarnt wurden?

Ja.

Fernando Rendón auf dem Internationalen Poesiefestival Berlin (4.von links)
Foto: S.Braun de Aguirre
Und haben sich beim diesjährigen Poesiefestival im Juni diese Drohungen wiederholt?

Nein, weil die politische Situation eine andere ist. Es sind vier Jahre vergangen, und es hat sich ein beträchtlicher Kreis von kolumbianischen Künstlern, Intellektuellen und Journalisten gebildet, die ihren Willen bewiesen haben, eine kritischere Haltung anzunehmen und die Zensur und Selbstzensur, die in Kolumbien in den letzten Jahrzehnten geherrscht hat, zu überwinden. Für mich ist das ein historischer Augenblick. Auf dem Festival wurde eine Erklärung verfasst, die über 700 Künstler und Intellektuelle aus Kolumbien und aus 63 anderen Staaten unterzeichnet haben, darunter auch die Teilnehmer des Internationalen Poesiefestivals Berlin. In der Erklärung wird der Wille geäußert, einen humanitären Ausgleich in Kolumbien zu erreichen und eine Kulturbewegung für den Frieden zu gründen und anzuführen. Wir haben auf dem Treffen ein nationales Koordinationsbüro gegründet und ich glaube, die Bewegung hat Zukunft, es beteiligen sich gute Leute daran. Ich weiß nicht, ob es Drohungen geben wird, aber ich hoffe, dass sich die Bewegung behauptet und zu einer Erfahrung wird, zu einem Phänomen, einer Gelegenheit für die Dichter und Künstler, sich am sozialen Kampf der Kolumbianer zu beteiligen, am Kampf für eine wahre Demokratie, auf kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet - eine Demokratie, die es in Kolumbien im Augenblick nicht gibt. Ich hoffe, es wird eine eindrucksvolle Bewegung, damit ein humanitäres Abkommen und ein Dialog über einen dauerhaften Frieden in Kolumbien zustande kommt.

Das Poesiefestival Medellín ist von den Medien boykottiert worden. Wie viel Meinungsfreiheit, wie viel Freiheit der Dichtkunst gibt es gegenwärtig in Kolumbien?

Die Medien berichten nicht über das Festival von Medellín, aber sie haben auch fast gar nicht über das Internationale Poesiefestival in Berlin berichtet. Nehmen wir mal an, dass weder in Deutschland noch in Kolumbien eine Absicht dahinter steckt, wenn nicht über die wichtigsten Ereignisse der Dichtkunst informiert wird. Das würde von einer großen Ignoranz der meisten Journalisten in Deutschland und Kolumbien gegenüber dem Wesen der Poesie und ihrer historischen und sozialen Funktion zeugen. Denn ohne Poesie kann es keinen Fortschritt im menschlichen Leben geben. Es wird viel geredet vom Fortschritt und der Entwicklung der Produktions-, Subsistenz- und Kommunikationsmittel, die für die gesamte Menschheit von großem Nutzen sein könnten. Doch dieser materielle und wirtschaftliche Fortschritt entspricht nicht der mangelhaften Entwicklung des menschlichen Geistes, der noch immer in so vielen Kriegen verhaftet ist, den das Leiden des Großteils der Menschen nicht berührt, die Opfer ihrer grundlegendsten Bedürfnisse sind, deren vordringlichsten Probleme nicht gelöst sind, wie etwa beim Wasser: viele Millionen Menschen können ihr Recht auf Wasser nicht in Anspruch nehmen, ebenso wenig ihr Recht auf medizinische Versorgung oder Bildung. Deshalb geht der materielle Fortschritt nicht mit einem geistigen und kulturellen Fortschritt der Menschen einher.
Nehmen wir an, es ist Ignoranz, ich bin mir aber eigentlich sicher, dass es eine beabsichtigte Ignoranz der starken Kraft der Kultur, der Natur und der Poesie ist. Der Kapitalismus will nichts vom sozialen Wesen der Poesie wissen, weil sie den Dialog sucht, die Kommunikation, weil sie dazu neigt, die Menschen zusammenzuführen, sie zu nähren und zu ermutigen, ein neues Leben zu beginnen. Denn eine Lösung der materiellen Probleme allein würde nicht reichen, weil wir nicht nur dazu da ist, zu essen, sich zu kleiden und ein Leben zu führen, wie es uns das System, in dem wir leben, „großzügigerweise“ anbietet. Wir Menschen sind dazu bestimmt, ein höheres Leben zu führen, die volle Lebendigkeit zu spüren, den ganzen Reichtum der Fähigkeiten der Sinne, der Intelligenz und der schöpferischen Vorstellungskraft. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie das Leben wäre, wenn alle Menschen all ihre materiellen, kulturellen und geistigen Bedürfnisse stillen und sich als freie Wesen entfalten könnten. Das wäre das Paradies, und darum geht es: die Poesie sucht das Paradies, und das System, dem wir unterworfen sind, will uns in einer Art Lähmung eingewickelt in der Hölle belassen.

Sie sagen, sollte Carlos Gaviria im Jahre 2010 die Wahlen gewinnen, würden sich „alle Dimensionen des Lebens in Kolumbien erneuern“. Weshalb versprechen Sie sich so viel von einem Politiker – oder anders gefragt: könnte Gaviria ein kolumbianischer Chávez sein?

Ich glaube, Gaviria hat einen völlig anderen Weg als ein Chávez hinter sich, einen anderen akademischen Hintergrund. Ich schätze das Wirken von Präsident Chávez sehr, aber Carlos Gaviria unterscheidet sich aufgrund seiner Auffassung von Politik und aufgrund der spezifischen, einzigartigen Situation der politischen Landschaft in Kolumbien stark von Chávez. Ich denke nicht, dass Chávez in irgendeiner Hinsicht Diktator ist, er ist von einer übergroßen Mehrheit der Venezolaner auf demokratischem Weg gewählt und wiedergewählt worden, aber wir reden von einem anderen Kontext und einem anderen Land. Ich denke, dass Carlos Gaviria als Humanist, der er nun mal ist, in dem historischen Moment, den Kolumbien gerade erlebt, den Widerstand des kolumbianischen Volkes gegen eine verdeckte Diktatur repräsentiert. Die Wiederwahl von Álvaro Uribe Vélez erfolgte durch Betrug und mit Unterstützung der Paramilitärs, die an vielen Orten des Landes die Wähler gewaltsam eingeschüchtert haben. Aber sie werden 2010 eine Überraschung erleben, wenn das historische Projekt der kolumbianischen Bourgeoisie sich auf seinem absoluten Tiefpunkt, befindet, dieses Projekt, das sich auf den Staatsterrorismus stützt, auf ein Morden, das in Lateinamerika und vielleicht auf der ganzen Welt einmalig ist.
In den letzten 50 Jahren sind über 500.000 Kolumbianer ums Leben gekommen, sechs Präsidentschaftskandidaten wurden umgebracht, es gibt vier Millionen Vertriebene, 30.000 Verschwundene, ganz zu schweigen von den Entführten – es ist ein großer Fehler der kolumbianischen Guerilla, eine Form des Kampfes anzuwenden, die meiner Meinung nach nicht viel mit Marxismus-Leninismus zu tun hat.
In diesem Kontext ist Carlos Gaviria einer, der nicht radikal und allzu fordernd auftritt, der breite Zustimmung im kolumbianischen Volk findet, in der Mittelschicht und unter Intellektuellen. Er hat als einer der Ersten unseren Aufruf unterzeichnet. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, ruhig, tiefgründig, gebildet, ein Demokrat im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie sind Dichter, doch Ihre Dichtung ist ziemlich politisch, und auch die Gründung des Poesiefestivals war eine Reaktion auf die politische Situation. Wieviel Politik kann die Kunst ertragen? Also, kann die Kunst einen politischen Auftrag haben?

Das ist eine sehr wichtige Frage im Moment, weil es vor etwa 40 Jahren, in den sechziger, siebziger Jahren, die so genannte engagierte Kunst gab. Das war eine Parole, die in den Diskussionen der Medien immer wieder auftauchte. Ich denke nicht, dass wir uns in der eigentlichen Politik engagieren wollen, aber das politische Klima in Kolumbien ist so unerträglich für das Leben der Menschen geworden, so brutal, dass man nicht mehr umhin kam, auf all die Feindseligkeit zu reagieren und seine Meinung zu äußern, Ideen zu entwickeln, zu schreiben und Kunst zu schaffen, die sich am Leben orientiert, an der Kultur. Wir machen Kunst und Poesie und Kultur, und ein Ausdruck davon ist eben die überwältigende Entwicklung des internationalen Festivals von Medellín. Es ist nicht etwa so, dass man politisch sein wollte, nein, man wird unweigerlich politisch in einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit gibt, in dem die Medien zensiert werden, in dem die Dichter und Intellektuellen Selbstzensur üben. Es wird politisch, wenn sich so viele Leute versammeln, wenn so viele Menschen ihre Gedanken über die Realität ausdrücken wollen. Es ist also anders herum: uns liegt nichts daran, die Kunst in die Politik einzubringen, nein: die Politik ist so sehr in unser Leben eingedrungen, dass wir Kunst schaffen müssen trotz dieser Situation und gegen diese ganze abnorme Lage.

Sie haben in Berlin an einer internationalen Lesung teilgenommen, die im Rahmen der Reihe „Die Macht der Sprache“ stattfand. Sie selbst haben die Poesie den Körper der Sprache genannt. Die Poesie spielt unter den Mächten der Welt anscheinend keine Rolle. Hat sie trotzdem eine magische Kraft hinter allem Sichtbaren?

Für mich ist die Poesie nichts Magisches, das war sie in ihren Anfängen und in den Anfängen der Zivilisation, bei den Schamanen, die gleichzeitig Dichter waren, bei den alten irischen Dichtern und heute bei den Dichtern der Indígenas. Wenn diese Dichter als Vermittler zwischen den magischen Kräften und der indigenen Gemeinschaft agieren, dann ist das Magie, sie rufen anhand der Sprache unsichtbare Kräfte an, sie sorgen für den festen Zusammenhalt ihrer Gemeinschaften inmitten all der Widrigkeiten. Für mich ist die Poesie keine Zauberformel, sondern die Stimme des Volkes, die ureigenste Stimme der Natur des Menschen, der Natur an sich. In der Poesie bündeln sich auch die tiefen strategischen Interessen der Natur und der menschlichen Gesellschaft. So gesehen findet die Sprache in der Poesie ihre stärkste Verkörperung, hier ist sie am lebendigsten, am belebendsten, am schöpferischsten, und in diesem Sinne ist sie zukunftsträchtig. Mir scheint, es ist die einzig mögliche Sprache angesichts des zunehmenden Verfalls der Sprache. Die Poesie ist die Sprache der Zugehörigkeit der Individuen zu den Gemeinschaften, und je mehr die „verschlissene Sprache“ zurückweicht, um so präsenter wird die Sprache der Poesie, da sie die Sehnsucht nach der Einheit aller Menschen verkörpert. Wenn es soweit ist, wird die Poesie sinnerfüllt sein, sie wird der Körper des Volkes sein, und der Körper der Sprache, und der Körper der verändernden Kraft der menschlichen Existenz.
Verfügt die Poesie über eigene Wege, um an die Menschen heranzukommen, oder benötigt sie die traditionellen Medien?

Ich glaube, sie verfügt über ihre eigenen Wege, nutzt aber auch andere traditionelle Medien. Ohne Zweifel braucht die Poesie die Medien. Zum Beispiel haben wir gerade ein Video mit der ersten Sammlung von Poesie aus aller Welt ins Internet gestellt, mit 207 Gedichten von Dichtern aus 206 Ländern.
Die neuen Medien stehen den Menschen zur Nutzung offen, und selbst wenn viel Schrott dabei ist, sind sie letztlich doch ein intelligentes Medium. Wir nutzen auch das Fernsehen: wir strahlen wöchentlich eine Poesiesendung aus und machen außerdem Werbung für das Festival. Wir sind dabei, eine CD-Rom zu produzieren, mit den Gedichten aller internationalen Teilnehmer des Festivals. Sie wird ein wichtiges Hilfsmittel sein, das an den Schulen verwendet werden kann, damit die Lehrer auf dem neuesten Stand bleiben, und auch die Literaturwissenschaftler, die Dichter und all jene, die Poesie lieben. Wir haben auch 190.000 Handprogramme verteilt. Das sind die traditionellen Medien, aber es gibt auch noch andere, und wir brauchen nur genug Phantasie, um neue Medien zu schaffen. Dann gibt es da noch den Dialog zwischen den Leuten, die Lesekreise, die in Kolumbien wie Pilze aus dem Boden schießen. In Medellín gibt es sehr viele Lesekreise. Ein weiteres lebenswichtiges Medium ist der ungeheure Enthusiasmus, der auf dem Festival in Medellín entsteht.
Das Festival ist ein Medium für sich, weil es auf eine so machtvolle Art und Weise mit der gesamten Bevölkerung kommuniziert, trotz der vorsätzlichen Ignoranz seitens der Medien, die die Existenz dieses Ereignisses nicht wahrhaben wollen. Diese ging soweit, dass, als wir im Dezember in Stockholm den Alternativen Nobelpreis entgegengenommen haben, nur ein kolumbianisches Medium darüber berichtet hat: Das ist eine absichtliche Ignoranz gegenüber der Poesie in Kolumbien und auf der ganzen Welt.

Braucht die Poesie ein Gegenüber, einen Zuhörer, oder kann allein die Tatsache, dass sich ein Dichter ein Gedicht ausdenkt, Veränderungen bewirken?

Ich denke, dass die Poesie nicht nur im Gedicht oder im Dichter steckt, oder in der Kommunikation zwischen dem Dichter und dem Publikum – die Poesie ist ein alltäglicher Ausdruck des Lebens. Sagen wir mal so, das Geschriebene gehört nicht dem Dichter allein. Es gibt eine Kraft, die dafür sorgt, dass alles wächst, dass alles erblüht, das ist aber nicht ein Gott, sondern das Leben selbst, also die Poesie, und sie ist in allen kleinen Welpen und überhaupt in allen Tieren, sie ist soviel Schönheit, Freude, Überfluss. All das ist für mich Poesie, nicht nur das Gedicht. Sie steckt auch in den Gedichten, aber wenn es kein Schrifttum gäbe, wenn es keine Menschen gäbe, so gäbe es doch Poesie. Es wird immer Poesie geben, auch wenn der Mensch verschwindet.

Wir bedanken uns für das Interview bei Fernando Rendón.



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