Chasqui Net Revista Virtual Iberoamericana  de Berlín
Interview: „Man fürchtet sich vor dem, was noch kommen kann“


7 de Septiembre de 2010

Chasqui Net Revista Virtual Iberoamericana de Berlín

Interview

    „Man fürchtet sich vor dem, was noch kommen kann“

    Interview mit Juanita León, Preisträgerin des „Lettre Ulysses“- Preises für literarische Reportagen
    Simone Braun de Aguirre
Fünf Jahre lang hat sie unter Bauern, Guerilleros und Paramilitärs in Kolumbien für die Wochenzeitschrift Semana und die Tageszeitung El Tiempo recherchiert. Dann zog sie sich für sechs Monate zurück, um das Buch País de Plomo. Crónicas de Guerra („Land aus Blei. Kriegstagebücher“) zu schreiben. Kürzlich erhielt sie dafür den dritten Preis des Lettre Ulysses Award für Reportageliteratur, den die Literaturzeitschrift Lettre International einmal jährlich in Berlin verleiht. Erstmals wurde damit eine Frau aus Lateinamerika mit diesem Preis geehrt.

Chasquinet: „Was hat dich bewogen, dieses Buch zu schreiben?“
Juanita León: „Ich wollte die Geschichten über den Krieg in Kolumbien erzählen, die noch nicht erzählt worden sind. Ich wollte die Beweggründe der bewaffneten Kämpfer und das Leiden der Opfer von einem Blickpunkt aus beschreiben, der es den Kolumbianern in den Städten ermöglicht, wirklich zu verstehen, worum es in diesem Krieg geht.“

Chasquinet: „Welche neuen Fragen haben sich für dich im Laufe der Recherchearbeit ergeben, und zu welchen Schlussfolgerungen bist du gekommen?“
J.L.: „Am stärksten hat mich beeindruckt, dass es nur so wimmelt von Verrätern, die die Seiten wechseln, also die heute Guerillero sind und am Tag darauf Paramilitär. Außerdem habe ich beobachtet, dass sich die Leute im Großen und Ganzen einig sind – auch wenn ein Teil der Bevölkerung eindeutig die Guerilla oder die Paramilitärs unterstützt -, aber die meisten wollen, dass der Krieg zuende geht, um in Ruhe leben zu können. Das Problem ist, dass sie zwar die bewaffneten Gruppen nicht unterstützen, aber auch den Staat nicht als legitim anerkennen, weil der die ländlichen Regionen so stark vernachlässigt hat. Der Staat müsste etwas unternehmen, um die Legitimität in jenen Gegenden wiederzuerlangen.“

Chasquinet: „Die Vernächlässigung durch den Staat ist für die Menschen in jenen Gebieten einer der Gründe dafür, am Krieg teilzunehmen?“
J.L.: „Genau, für viele Menschen, vor allem für die Frauen auf dem Lande, besteht die beste Chance darin, zur Guerilla zu gehen. Es ist die beste Chance, weil es im Grunde die einzige Chance ist, die eine Frau auf dem Lande hat.“

Chasquinet: „Sind noch Fragen für dich offen geblieben?“
J.L.: „ Sehr viele, vor allem weil ich glaube, dass das Guerillaproblem nicht allein durch politische Verhandlungen oder auf militärischem Wege gelöst werden kann, sondern dass viel komplexere Maßnahmen notwendig sind, die aber nicht in Sicht sind. Durch den Drogenhandel wird der Konflikt immer stärker kriminalisiert, und man fürchtet sich vor dem, was noch kommen kann.“

Chasquinet: „Hat sich unter der Regierung Uribe etwas geändert?“
J.L.: „So wird es allgemein wahrgenommen, dass die Menschen weniger leiden als vor vier Jahren. Die Zahl der Entführungen und Morde ist merklich zurückgegangen. Die Vertreibungen sind nach wie vor furchtbar; in diesem Jahr sind bisher 140 000 Menschen vertrieben worden, vor vier Jahren waren es aber 500 000. Deshalb scheint mir, dass das Leiden tatsächlich nachgelassen hat. Allerdings ist zu beobachten, dass die Paramilitärs ihre militärische in politische Macht umgewandelt haben, und in ein paar Jahren werden wir die Konsequenzen dieser Veränderungen erleben, die sehr schwerwiegend für das Land sind.“

Chasquinet: „Wird es eine zweite Folge des Buches geben?“
J.L.: „Ich habe eine Buchidee im Kopf, wobei es nicht wie diesmal um verschiedene Geschichten gehen soll, sondern um eine einzige, anhand derer ich ein wenig die Geschichte des Drogenhandels in Kolumbien erzählen möchte, den ich im letzten Buch nur am Rande behandelt habe. Er wird zwar in mehreren Kapiteln erwähnt, es gibt aber keine Geschichte des Drogenhandels an sich.“

Chasquinet: „Ist für dich eine nahe Lösung des Konflikts in Kolumbien in Sicht?“
J.L.: „Nein, ich glaube, wir werden damit noch eine ganze Weile zu tun haben.“

Übersetzung: Ania Müller

-Spanische Version dieses Artikels unter Entrevista

Más en Interview

Berlín Alemania - Chasqui Net Revista Virtual Iberoamericana de Berlin
Powered by Spain 4 All - Guia General de España - Politica de Privacidad