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Archivo: Trezeguet, Zidane, Ronaldinho und Sebastian Deisler


9 de Septiembre de 2010

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    Trezeguet, Zidane, Ronaldinho und Sebastian Deisler

    Ich gebe zu, ich bin ein Fußballfan...
    Rainer Simon
Als Trezeguet am Elfmeterpunkt stand, ahnte ich, der kann nicht treffen. Ich sah es ihm an, und er tat mir leid, weil er es noch nicht wusste. Er hatte mir schon vorher Leid getan: Einer der besten Fußballspieler der Welt war ein ganzes Turnier lang von einem Trainer gedemütigt worden, dem die Verklemmung von Millionen europäischer Fußball- und anderer Lehrer auf den Leib und ins Gesicht geschrieben stand, ein Mann wie aus einem Horrorkabinett. Die Spieler gingen an ihm vorbei, als gäbe es ihn nicht, wenn er ihnen seine Macht demonstrierte, Zidane, zum Beispiel. Trezeguet blieb keine andere Wahl, als sich zu rächen. Er tat es nicht bewusst, sein Fuß tat es. Noch immer ist der Körper klüger als das Gehirn.
Zidane wird ihn verstehen.


Zidane Kopfstoß gegen Materazzi (Frankreich-Italien, 21. Juli 2006)
Ich gebe zu, ich bin ein Fußballfan. Doch bei der Weltmeisterschaft wurde mir klar, am liebsten sehe ich die Spiele in Zusammenschnitten der Höhepunkte, denn solche gibt es immer weniger. Immer wieder setzte ich mich erwartungsvoll vor den Fernseher, drückte die Muting-Taste oder ging pinkeln, wenn ich von immer denselben Reportern und ihren Vasallen und von immer derselben Werbung terrorisiert wurde, (niemals werde ich dieses Bier kaufen oder in ein solches Speise-Etablissement essen gehen, es sei den es kommt die Zeit, wo mir gar nichts anderes mehr übrig bleibt, weil alle Konkurrenz ausgeschaltet ist).
Dann begann endlich das Spiel, und ich langweilte mich binnen kurzer Zeit.
Es wurde verteidigt, zugegeben gekonnter als früher, mit Computerprogrammen ausgetüftelt.
Canavaro, Zambrotta, Materazzi und Grosso und dahinter Buffon waren die besten Verteidiger, und Italien wurde zu Recht Weltmeister.
Als ich Kind war, spielte man das System: 2 – 3 – 5, zwei Verteidiger, drei Läufer, fünf Stürmer. Daraus wurde 3 – 3 – 4 . Dann 4 – 3 – 3 . Dann 4 – 4 – 2 . Jetzt 4 – 5 – 1 .
Bei der nächsten WM wird man die Stürmer zu Hause lassen, Trezeguet, Raúl, Messi, auch Henry und Crespo, die dieses Mal noch spielen durften. Zauberer wie Christiano Ronaldo pfeift der Mob aus. Dann stürmt und rammt nur noch Rooney.
Armer Klose, armer Podolski.
Verteidigen heißt verhindern, es frustriert Spieler und Zuschauer.
Es war durchaus nicht zu erwarten, dass gerade die Deutschen die Ausnahme bildeten.
Dafür gebührt Klinsmann und seiner Mannschaft Anerkennung. Die Zuschauer begeisterten sich daran, dass endlich mal jemand etwas mit Freude tat und ohne Gejammer, Ausflüchte und Rückversicherungen. Niemand sollte darauf setzen, dass Politiker davon lernen können.
Ich verstehe Klinsmann gut, wenn er davon spricht, wie viel Kraft ihn das gekostet hat. Nun will er wieder leben. Leben besteht nicht nur aus Arbeit und Erfolg, besonders wenn man genug Geld hat.
Welcher den Körper zerreißenden Spannung die Spieler ausgesetzt sind, zeigte sich nach dem Halbfinale, als die Luft raus war und die Spieler reihenweise krank wurden, Ballack, Friedrich, Borowski, Mertesacker, der junge Kerl, musste gar sofort operiert werden. Wäre es zum Finale gekommen, ist mit großer Sicherheit anzunehmen, dass die alle gespielt hätten. Übrigens von Sebastian Deisler sprach niemand im Freudentaumel. Körperliche Krankheiten sind normal, aber seelische sind ein Makel. Bis heute wehrt sich die Schulmedizin mit allen Mitteln, anzuerkennen, dass auch die meisten körperlichen Leiden psychische Ursachen haben. Es war einmal ein Basti-Fantasti. Schade.
Nach der Partie Deutschland gegen Argentinien konnten die Südamerikaner der entweichenden Luft nicht Herr werden und benahmen sich wie gekränkte Kinder, obwohl ja nicht die Deutschen daran schuld waren, dass sie die Elfer nicht im Tor untergebracht hatten. Die FIFA lässt zwar keinen Videobeweis zu, wenn es um Tore, also um das Eigentliche geht, zieht aber Videos gern heran, um Exempel zu statuieren, so gegen Torsten Frings, obwohl der angeblich von ihm angegriffene argentinische Spieler gar nichts davon bemerkt hatte. Die alten Männer der FIFA halten die Schiedsrichter an, gelbe Karten zu verteilen, wenn ein Spieler wie Bastian Schweinsteiger beim Jubeln das Hemd vom Körper reißt, hat das mit Prüderie oder mit Homophobie zu tun? Wegen Jubel kann man gesperrt werden, wegen Tore schießen. Das ist krank. Dann besser nur verteidigen.
Bleibt die Frage, warum die Brasilianer keine Lust hatten, die Beamten der Viererkette spielten verbissen, wie sie es in Europa verlernt hatten. Der Legende Ronaldo versagten im ersten Spiel die Beine, wenigstens päppelte man ihn soweit auf, dass er sich später wieder bewegen konnte, Freude machte es ihm nicht. An Ronaldinho, dem Genialsten von allen, begeistert seit Jahren die Sportreporter, dass er immer lacht, behaupten sie, weil sie die anatomische Besonderheit seines fast immer offenen Mundes für ein Lachen halten.
Ronaldinho lacht nicht, das sieht man an seinen Augen, er grinst nicht mal.
Im Gegensatz zu anderen Spielen gab es für ihn auch gar nichts zu lachen.
Ich gebe zu, wogegen Ronaldinho, Ronaldo, Kaká sich wehrten, ich bin nicht dahinter gekommen. Vielleicht haben sie mit ihrem fernen Land, wo die meisten von ihnen in demütigenden Verhältnissen aufwuchsen, nicht mehr viel im Sinn, warum sollten sie auch. Sie werden nicht geliebt, weil sie Brasilianer sind, sondern weil ihre Beine zaubern können.
Dafür bekommen sie in Barcelona, Madrid oder Milano viel Geld.
Und sind der Armut entkommen.
Von den afrikanischen Mannschaften waren Ecuador und Frankreich die besten.
Für Ecuador spielten die Nachkommen verschleppter Sklaven.
Frankreich zehrt noch heute von seinen Kolonien.
Es gibt kein Ereignis auf der Welt, dass mehr Zuschauer hat als das Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft, Milliarden. Es ist die Bühne, auf sich aufmerksam zu machen. Keine Nobelpreisverleihung und kein Attentat erreichen eine solche Aufmerksamkeit. Vor solch einer Kulisse rastet einer der meist gerühmten Fußballer der Welt in seinem Abschiedsspiel aus, kurz bevor er zum zweiten Mal Weltmeister werden kann, rammt er dem Gegner seinen Kopf gegen die Brust, so dass der, ohne zu schauspielern, umfällt. Es ist wie ein Selbst-Mord. Lächerlich anzunehmen, dass ein paar Beleidigungen des italienischen Spielers das Motiv dafür waren – Anlass ja, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Zidane, der Nordafrikaner, und all seine Mannschaftskameraden afrikanischer oder arabischer Herkunft – ist wirklich anzunehmen, dass es sie alle kalt lässt, wie ihre Brüder an der Mauer Europa verrecken oder in den Slums von Paris und Marseille zum Verkommen verdammt sind?
Zidane hat bestimmt nicht an so etwas gedacht.
Sein Kopf hat getroffen, wie Trezeguets Fuß nicht getroffen hat, aus welchem Grund auch immer.
Die FIFA zeichnete Zidane trotzdem als wertvollsten Spieler des Turniers aus. Dafür dass die französischen Afrikaner verloren und Italien gewann, wo viele von ihnen ihr Geld verdienen. Zidane entschuldigte sich – bei den Kindern, bei niemand anderem.




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